Studie: Kameradschaft erleichtert die Bewältigung von Übergriffen

In den vergangenen Jahren haben Übergriffe, Gewalt und Aggression gegenüber Einsatzkräften in vielen Ländern zugenommen. Untersuchungen zeigen, dass sich solche Erlebnisse massiv auf die psychische Einsatzbereitschaft auswirken können. Dies äußerst sich vor allem in einem erhöhten Risiko für Traumafolgeerkrankungen, Depressionen und Ängste. Eine kanadische Forschergruppe um Nicolas Brais (University of Manitoba) hat untersucht, welche Faktoren vor den negativen Auswirkungen solcher Erlebnisse schützen können. Die Studie ist im Journal of Aggression, Maltreatment and Trauma erschienen und zeigt, dass soziale Unterstützung durch Kolleg:innen ein wesentlicher Schutzfaktor in diesem Zusammenhang ist.

Methode

Die Forscher:innen befragten 246 hauptberufliche Feuerwehrleute und Rettungssanitäter:innen aus einer kanadischen Großstadt. Dabei erfassten sie die Häufigkeit von Gewalterfahrungen, verbalen und körperlichen Übergriffen im Rahmen der Berufsausübung, Symptome von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen und Ängsten sowie die erlebte soziale Unterstützung. Anschließend untersuchten sie mittels statistischer Verfahren Zusammenhänge zwischen diesen Aspekten.

Ergebnisse

Die Analysen ergaben, dass sich erlebte Übergriffe nur bei jenen Befragten negativ auf die psychische Befindlichkeit auswirkten, die ein geringes Maß an sozialer Unterstützung durch Kamerad:innen/Kolleg:innen erlebten. Kameradschaft und Kollegialität können daher als wesentliche "Schutzfaktoren" in Bezug auf die psychischen Auswirkungen von Übergriffen und Gewalterfahrungen gesehen werden.

Die erlebte Unterstützung durch Angehörige hatte hingegen keinen derartigen positiven Effekt.

Schlussfolgerungen

Die Studienautor:innen ziehen aus ihren Ergebnissen die Schlussfolgerung, dass kameradschaftliche/kollegiale Unterstützung vermutlich die gedankliche und emotionale Verarbeitung von Übergriffen unterstützt. Viele Einsatzkräfte machen sich nach derartigen Erlebnissen beispielsweise Vorwürfe oder haben das Gefühl, selbst etwas falsch gemacht zu haben – auch wenn es hierfür keine objektive Begründung gibt. Durch den kameradschaftlichen/kollegialen Austausch könnten solche unangebrachten Selbstvorwürfe relativiert und die eigenen Reaktionen besser verstehbar werden.

Obwohl soziale Unterstützung durch Angehörige im Allgemeinen die Verarbeitung von belastenden Einsätzen fördert, konnte dieser Effekt in der vorliegenden Studie nicht beobachtet werden. Die Studienautor:innen vermuten, dass viele Einsatzkräfte Gewalterfahrungen und Übergriffe möglicherweise gar nicht mit nahen Angehörigen teilen, um Besorgnis zu vermeiden oder auch aus Furcht, als "schwach" angesehen zu werden. Außerdem könnte es sein, dass Angehörige mitunter mit Vorwürfen auf solche Erlebnisse reagieren, wie z.B. "Du musst vorsichtiger sein" oder "Du solltest Dir einen anderen Job suchen". Solche Reaktionen sind aus Sicht besorgter Angehöriger verständlich, können allerdings die Verarbeitung belastender Einsatzerfahrungen zusätzlich erschweren.

Auf Grundlage Ihrer Studienergebnisse empfehlen die Studienautor:innen, dass das Potential von Kameradschaft/Kollegialität noch stärker im Rahmen von Betreuungskonzepten berücksichtigt werden sollte. So bieten viele Organisationen bereits präventiv Deeskalationstrainings oder Selbstverteidigungskurse an, um Einsatzkräfte auf bedrohliche Situationen vorzubereiten. Allerdings gibt es nur selten spezialisierte Betreuungsangebote, die nach dem Erleben solcher Vorfälle in Anspruch genommen werden können. Im Rahmen sog. "Coworker Social Support Programs" könnte vermittelt werden, wie man betroffene Kamerad:innen/Kolleg:innen bestmöglich nach Übergriffen und Gewalterfahrungen unterstützen kann.

Link zur Studie

 

 

Image by wavebreakmedia_micro on Freepik